06.03.26 – Zukunft des Einkaufens
Die Servicequalität kehrt zurück
Während Händler durch den verstärkten Einsatz von KI ihre Geschäfte zu Smart Stores umbauen, wächst bei Kunden die Sehnsucht nach persönlicher Betreuung. Das besagt der VoCoVO-Bericht „In-Store Intelligence: Die Rolle von KI im (Einzel)handel“, den unser Gastautor Frank Rehme von Zukunft des Einkaufens hier unter die Lupe nimmt.
Der Bericht zeigt: Der Schlüssel zum Erfolg liegt nicht in der maximalen Automatisierung, sondern in einer „Human-Centric AI“, die Mitarbeiter in den Geschäften entlastet und ihnen Unterstützung bei der Kundenbetreuung bietet. In Deutschland herrscht Einigkeit unter den Experten: 100 % der befragten Handelsentscheider sind laut dem Bericht überzeugt, dass künstliche Intelligenz (KI) für die Verbesserung des Kundenerlebnisses von höchster Bedeutung ist. Gleichzeitig geben 52,2 % der deutschen Händler an, KI zur Senkung von Personalkosten einsetzen zu wollen. Nicht ohne Grund blicken die Angestellten mit Sorge in die Zukunft – fast die Hälfte befürchtet den Verlust des Arbeitsplatzes. Doch kann der vermehrte Einsatz von KI in Kombination mit weniger Personal wirklich zu einem besseren Kundenerlebnis führen?
Das „Nadelöhr“ Selbstbedienung: Effizienz oder Frustration?
Deutlich wird dieses Spannungsfeld zum Beispiel bei Selbstbedienungs- und Hybridkassen. In Deutschland werden laut der Studie bereits über die Hälfte aller Transaktionen (51,1 %) über SB-Systeme abgewickelt. Was als Effizienzgewinn geplant war, entwickelt sich oft zum Service-Flaschenhals:
Der Ruf nach Hilfe: 36,1 % der Kunden geben an, dass der häufige Bedarf an Unterstützung bei gleichzeitig fehlendem Personal das größte Ärgernis an SB-Kassen ist.
Die Null-Toleranz-Grenze: Die Geduld der deutschen Verbraucher ist gering. 20,8 % der Kunden reagieren sofort genervt, wenn sie am Checkout auf Unterstützung warten müssen.
Das Risiko des Vertrauensverlustes: Für 43,1 % der Kunden ist ein Geschäft, das ausschließlich auf Selbstbedienung setzt, kein akzeptables Einkaufserlebnis.
Zwischen Sicherheit und Vertrauen
Ein weiterer Treiber für KI-Investitionen in Deutschland ist die Diebstahlprävention, die laut 48 % der befragten Händler ein massives Problem darstellt. Dies zeigt sich auch bei den Mitarbeitern: In Deutschland geben 32,1 % der Angestellten an, dass Diebstahl und das damit verbundene Sicherheitsrisiko eine erhebliche Stressquelle in ihrem Arbeitsalltag bilden.
KI-Systeme, die auffälliges Verhalten erkennen und das Team informieren, können zum Schutz und zur diskreten Deeskalation beitragen. Sie ermöglichen es den Mitarbeitenden, Situationen zu klären, bevor sie kritisch werden, was wiederum das allgemeine Wohlbefinden auf der Verkaufsfläche steigert. Hier zeigt sich jedoch, dass KI zwar zur Diebstahlprävention eingesetzt wird, dies aber in der öffentlichen Wahrnehmung noch nicht angekommen ist: Nur 46,9 % der in Deutschland befragten Konsumenten glauben, dass KI zu Sicherheitszwecken im Einzelhandel eingesetzt wird.
Diese mangelnde Transparenz birgt Risiken für die Kundenbindung, doch der Mehrwert für das Personal ist laut Studie immens. Händler stehen somit vor der Aufgabe, den Einsatz von KI-basierten Sicherheitssystemen nicht nur als Diebstahlschutz, sondern als Fürsorgemaßnahme für das Team zu kommunizieren. Wenn Kunden verstehen, dass die Technologie nicht der Überwachung des ehrlichen Käufers dient, sondern ein sicheres und entspanntes Einkaufsumfeld für alle Beteiligten schafft, steigt die Akzeptanz.
KI als unsichtbarer Team-Assistent
Der stationäre Handel in Deutschland kann nur dann seine Vorteile ausspielen, wenn er Technologie nutzt, damit Mitarbeiter auf die Anfragen von Kunden schnell, hilfreich und persönlich reagieren können. „KI funktioniert dann am besten, wenn sie im Hintergrund arbeitet und Mitarbeitende entlastet, damit echte Beratung, Orientierung und Service auf der Fläche möglich bleiben“, erklärt uns Marcel Pitz, der verantwortliche KI-Experte bei VoCoVo.
Anstatt das Personal durch Technologie zu ersetzen, geht der Trend hin zu vernetzten Lösungen. Durch die Integration von KI in die Teamkommunikation – etwa via Headsets – reagieren Mitarbeiter in Echtzeit auf Engpässe an SB-Kassen oder potenzielle Sicherheitsrisiken. Neueste Systeme integrieren KI-Abfragen mit den Headsets und befähigen Filialteams dazu, Kundenanfragen in Sekundenschnelle zu beantworten. Das Ergebnis ist eine proaktive statt reaktive Servicekultur. In Deutschland ist diese Erkenntnis bereits gereift: Mit 50,7 % liegt die Bundesrepublik im DACH-Vergleich an der Spitze bei der Nutzung von Headset-Technologie für Filialteams.
Fazit: Das hybride Geschäft der Zukunft
Für den deutschen Einzelhandel bedeutet strategische Weitsicht heute, den technologischen Fortschritt mit dem menschlichen Faktor zu vereinen. 71,9 % der Konsumenten sehen Mitarbeiter weiterhin als essentiellen Bestandteil ihres Einkaufserlebnisses. KI sollte daher nicht als Werkzeug zur Personaleinsparung, sondern als Instrument zur Qualitätssteigerung verstanden werden. Wenn Technologie den Mitarbeitern den Rücken freihält, wird der stationäre Handel genau das, was der Online-Handel nicht bieten kann: ein Ort der Begegnung, unterstützt durch intelligente Systeme für optimale Beratung und persönliche Betreuung.




