27.10.26 – Gastbeitrag
Was die Medientage München für den CE-Handel bedeuten
„Sky ist bei RTL, Warner bei Skydance, ZDF-Inhalte ziehen bei Joyn ein, und YouTube sitzt mit am Tisch. Wer Fernseher und Second Screens verkauft, sollte wissen, wer da gerade um den Platz auf dem Bildschirm kämpft“, meint Andreas Stumptner.
Warum ein Bericht über die Medientage München an dieser Stelle? Weil jede Entscheidung, die in der Medienbranche fällt, irgendwann auf einem Display im Wohnzimmer landet. Und weil das, was Sender, Streamer und Plattformen in München verhandeln, die Fragen sind, die Kunden morgen im Laden stellen: Warum brauche ich schon wieder eine neue App? Wo läuft eigentlich das Spiel? Und warum empfiehlt mir der Fernseher ausgerechnet das?
Die Medientage feierten dieses Jahr ihren 40. Geburtstag, mit einem Branchenmarkt im Dauer-Umbau. Gastgeber war einmal mehr die Serviceplan-Zentrale, das House of Communication im Münchner Werksviertel. Der Name ist Programm: Es waren einfach alle Big Player da.
Alles neu sortiert
Wie sehr sich der Markt bewegt, zeigte das Streaming-Panel des VAUNET. Sky wurde im Sommer von RTL übernommen, und die Übernahme von Warner Bros. Discovery durch Paramount liegt keine zwei Wochen zurück, der Markenname ist nun Skydance. Netflix-Manager Rene Rummel-Mergeryan fasste es dort so zusammen: „Alles wird neu sortiert, alles ist möglich."
Bei Joyn sollen noch vor Jahresende ZDF-Inhalte eingebunden werden, bei RTL dürfte die Sky-Marke Wow langfristig in den Hintergrund treten. Und Skydance-Manager Matthias Heinze erwartet, dass am Ende weniger Aggregatoren übrigbleiben, weil sich das Publikum nicht für ein Dutzend Dienste einzeln entscheiden will.
Das ist eine Ansage, die ich als langjähriger Fachjournalist und Produktkommunikator gern an die Hersteller weiterreiche: Wer den Zugang zum Publikum vereinfacht, gewinnt.
113 Kanäle, ein Bildschirm
Im TV-Gipfel zeigte sich, wie ernst Sender die Mehrfachverwertung nehmen. RTL-Managerin Inga Leschek sprach von 113 Kanälen, über die bei ihnen Inhalte laufen können: lineare Sender, Streaming, FAST Channels. Ein Format, das bei VOX lief, kann Monate später bei RTL besser funktionieren. „Gute Zeiten, schlechte Zeiten" steht seit 29 Wochen praktisch ununterbrochen in den Streaming-Top-5, nach 34 Jahren im Linearen. ProSiebenSat.1 meldet für Joyn 12 Millionen monatliche Nutzer. ARD und ZDF wollen ihre Spartenkanäle künftig gemeinsam betreiben. Und YouTube erreicht laut eigenen Angaben 57 Millionen Menschen über 18 in Deutschland und versteht sich als Partner, nicht als Gegner der Sender.
Konkret heißt das: Der Kampf um Reichweite findet auf dem großen Bildschirm statt, und das Gerät ist längst mehr als Anzeige. Home-Screen, Plattform, Fernbedienung: Wer dort sichtbar ist, wird gesehen. Das wissen alle Beteiligten, auch wenn es auf der Bühne kaum jemand so ausspricht.
Wenn Politik und KI mitreden
Spannend wurde es, als Bayerns Ministerpräsident Markus Söder die alten Lager für aufgelöst erklärte: „Heute sitzen alle in der gleichen Reihe." Der gemeinsame Gegner seien globale Plattformen und KI. Meinung entstehe heute oft in WhatsApp-Gruppen, der Stammtisch hat eben ein Smartphone. Sein Ruf nach europäischer statt nationaler Regulierung hat auch eine Seite, die den CE-Markt betrifft: Wer legt eigentlich fest, welche Inhalte auf dem Bildschirm Vorrang bekommen?
BR-Intendantin Katja Wildermuth lieferte dazu ein Raster, die „vier A": Autorisierung, Akkuratheit, Attribution, Auffindbarkeit. Wer Inhalte nutzt, muss fragen, korrekt zitieren, die Quelle nennen und die Inhalte prominent auffindbar machen. Das sagt sie über Plattformen – ich lese es auch als Prüfstein für KI-Assistenten in Fernsehern und Streaming-Boxen.
Und dann war da ZEIT-Chefredakteur Jochen Wegner, der zur Doppelstrategie rät: KI-Anbieter, die Inhalte abgreifen, „muss man alle verklagen“. Zugleich solle man KI aktiv für gute Zwecke nutzen. Das ist keine Schwarz-Weiß-Haltung, sondern die Realität in Redaktionen, und sie wird auch Hersteller beschäftigen, die ihre Geräte mit KI-Funktionen aufladen.
Fazit für die CE-Branche
Wenn ich etwas aus München mitnehme, dann dies: Kein Stein bleibt auf dem anderen. KI ersetzt nichts, aber sie beschleunigt und dreht einen ohnehin unruhigen Markt auf links. Für CE-Handel und -Industrie sehe ich drei Konsequenzen:
Der Fernseher bleibt der Ort, an dem Reichweite entschieden wird. Wenn Sender und Streamer überall sein wollen, wird die Sichtbarkeit auf dem Home-Screen zur Währung. Hersteller mit eigener Plattform sitzen an einem längeren Hebel, als sie manchmal selbst glauben.
Einfachheit ist ein Kaufargument. Wenn sich das Publikum nicht durch zwölf Dienste kämpfen will, wird der Händler, der erklärt und sortiert, wertvoller.
KI im Gerät braucht Spielregeln. Wer empfiehlt was, mit welcher Quelle und warum? Wer das heute sauber beantwortet, hat morgen den Vertrauensvorsprung.
Oder anders ausgedrückt: Think big, hab keine Angst, aber mach's richtig – beim Fernseher wie beim Rest.
Über den Autor
Andreas Stumptner ist selbständiger Kommunikationsberater und freier Autor mit über 30 Jahren Erfahrung in Entertainment, Audio/Video, Automotive und Technologie. Er arbeitete als Chefredakteur und Bereichsleiter bei WEKA (video, Connected Home, stereoplay, AUDIO), Head of Product Communications bei Sky und Marketing- und PR-Manager DACH bei Dolby.




